Nachgedacht

//NACHGEDACHT

Zeit verlieren, um Zeit zu gewinnen

In dem Kapitel “Die psychische Uhr” beschreibt Robert Levine in seinem Buch “Landkarten der Zeit” ein Phänomen der Zeitwahrnehmung bei Spitzensportlern: “Moderne westliche Athleten sprechen in ihren eigenen Zen-ähnlichen Begriffen über die Zeitausdehnung. Tennisstar Jimmy Connors hat Situationen beschrieben, in denen sein Spiel eine, wie er fühlte, transzendente >>Zone>> erreicht hatte. In diesen Momenten, so erinnert er sich, wirkte der Ball riesig, als er über das Netz kam, und schien in Zeitlupe zu schweben. Er hatte das Gefühl, daß er alle Zeit der Welt habe, um zu entscheiden, wie, wann und wo er den Ball treffen sollte. In Wirklichkeit dauerte seine Ewigkeit natürlich den Bruchteil einer Sekunde….”

Diese Erlebnisse haben nicht nur Spitzensportler. Auch der Tennis-Beginner und Freizeitspieler kann solche Momente erleben, in denen er/sie die Zeit vergißt und “völlig mit dem Spiel eins” wird.

Zum Lehren und Lernen in unserer Tennisschule gehört es daher, unseren “Gästen” das Erleben des Spiels in einem entspannten Zustand zu ermöglichen. Deshalb spielen ein positives Ambiente und die passende “Begleitmusik” (oft mit Musikbegleitung wörtlich gemeint) eine große Rolle. Das erleichtert aus unserer Sicht ein gehirngerechtes und erfolgreiches Lernen.

Der Mann, der auf dem Wasser ging

Ein dem Herkömmlichen verbundener Derwisch aus einer strengen frommen Schule wanderte eines Tages am Ufer eines Flusses entlang. Er war vertieft in Gedanken über moralische und gelehrte Probleme, denn das war die Art der Sufischulung, zu der es in der Gemeinschaft, der er angehörte, gekommen war. Er stellte die fromme Bewegtheit des Gemütes mit dem Suchen nach der letzten Wahrheit auf dieselbe Stufe.

Plötzlich wurden seine Gedanken von einem lauten Rufen unterbrochen. Jemand rief, und er rief den Derwischruf. Der Derwisch aber dachte bei sich: ” So hat das keinen Zweck, denn er Mann spricht die Silben falsch aus. Statt Ya Hu zu intonieren, sagt er U Ya Hu.” Dann wurde ihm klar, dass er als besserer Kenner dieser Übung die Pflicht habe, den unglücklichen Menschen zu korrigieren, der vielleicht nicht richtig angeleitet worden war und daher einfach nur versuchte, sein Bestes zu tun bei der Einstimmung auf das Wesentlich, das hinter den Lauten liegt.

So mietete der Derwisch ein Boot und fuhr zu der Insel hinüber, die mitten im Strome lag, und von der die Rufe zu kommen schienen. Dort fand er einen mit dem Derwischgewand bekleideten Mann in einer Schilfhütte sitzen. Er wiegte sich im Takt des einweihenden Derwischrufes, den er wieder und wieder ertönen ließ. “Mein Freund”, sagte der erste Derwisch, “Du sprichst die Worte falsch. Es ist meine Pflicht, Dir das zu sagen, denn es ist verdienstlich, Rat zu geben und Rat zu empfangen. Du musst die Worte auf folgende Weise intonieren” – und er zeigte es ihm.

“Ich danke Dir”, sagte der andere Derwisch demütig. Der erste Derwisch stieg wieder in sein Boot, voller Zufriedenheit, weil er etwas Gutes getan hatte. Immerhin heißt es, dass der Mensch, der die heilige Formel korrekt wiederholt, sogar auf dem wasser wandeln kann; er hatte das noch nie gesehen, hoffte jedoch noch immer – aus irgendeinem Grunde – es einmal zuwege bringen zu können.

Nun hörte er nichts mehr aus der Schilfhütte, aber er war sicher, dass sein Unterricht gut aufgenommen worden war. Dann aber hörte er ein gestammeltes U Ya – denn der zweite Derwisch rief den Ruf wieder auf die alte Art. Während der erste Derwisch sich hierüber noch Gedanken machte und über die Verderbtheit der Menschheit und die Hartnäckigkeit des Irrtums im allgemeinen nachsann, bot sich ihm plötzlich ein merkwürdiger Anblick: Der andere Derwisch kam von der Insel zu ihm herüber gelaufen, – ja, er wandelte auf dem Wasser. Verblüfft ließ er die Ruder sinken. Der zweite Derwisch kam zu ihm heran und rief:

Bruder, es tut mir leid, Dir Mühe zu bereiten, aber ich musste herkommen, um Dich noch einmal nach dieser Methode zu fragen, damit ich die Worte auf die richtige Weise wiederhole, habe ich doch Schwierigkeiten, es zu behalten.”

Aus: I. Schah: Das Geheimnis der Derwische – Geschichten der Sufimeister